Informationen zur Waldbewirtschaftung im Wald der Burgergemeinde Strättligen

Was sind Rückegassen?
Früher wurde das Holz mit Pferden transportiert. Dabei entstanden kaum Bodenschäden. Später ist man mit Traktoren zu jedem Baum gefahren, der Boden wurde flächig befahren und verdichtet. Dies ist heute nicht mehr zulässig. Deshalb beschränkt sich die Befahrung auf sogenannte Rückegassen. Das sind 3 bis 4m breite Fahrlinien, welche baulich nicht verändert werden. Der Untergrund besteht also aus produktivem Waldboden mit Kräutern und Sträuchern, aber ohne grosse Bäume.

Warum wird heute mit Rückegassen gearbeitet?
Die Rückegassen sind heute Standard. Sie werden systematisch und für lange Zeiträume angelegt. Maschinen dürfen sich ausschliesslich auf diesen Rückegassen bewegen. Das heisst, der restliche Boden wird konsequent nicht mehr befahren. Die Rückegassen werden nur bei genügend trockenem Boden befahren. Wenn es zu nass ist, müssen die Arbeiten verschoben werden. Denn: Auch die Rückegassen sind für den Wald wichtige Produktionsflächen, wo beispielsweise im Boden liegende Wurzeln nicht beschädigt werden dürfen. Die Rückegassen liegen in der Regel 25 bis 30 Meter voneinander entfernt. Die Entfernung hängt vor allem vom Gelände ab. Besonders feuchte Stellen werden umfahren. Rückegassen bilden die Grundlage für eine schonende wie auch ökologisch und ökonomisch nachhaltige Waldbewirtschaftung.

Sind Rückegassen schädlich für den Wald?
Rückegassen beschädigen den Wald nicht. Zwar belastet die Maschine den Waldboden bis zu einem gewissen Grad, doch achtet der Forstbetrieb darauf, die Belastung so gering wie möglich zu halten, zum Beispiel indem möglichst wenig Kurven gefahren werden. Der Boden wird dadurch nicht zusätzlich beansprucht. Ist die Holzernte abgeschlossen, wird das bearbeitete Gebiet während 5 bis 10 Jahren nicht mehr befahren.

Die Belastung, die von Traktoren und modernen Holzernte-Maschinen ausgeht, ist pro cm2 ziemlich identisch. Die modernen Holzernte-Maschinen wie Vollernter und Forwarder haben heute sehr breite Reifen. Ausserdem Sie sind mit vielen Rädern bestückt, die einen tiefen Reifeninnendruck aufweisen, um den Boden möglichst zu schonen. Durch die Bildung eines Asteppichs auf der Rückegasse, wird der Boden weiter geschützt. Bei Bedarf können auch Raupen aufgezogen werden, um den Druck noch besser zu verteilen.

Übrigens brauchen auch Traktoren mit Seilwinde Rückegassen, denn auch sie dürfen den Waldboden nicht mehr flächig befahren.

Wie naturnah ist der Einsatz von modernen Holzernte-Maschinen?
Egal ob Seilwinden, Traktoren oder Holzernte-Maschinen: Der Einsatz von Maschinen bedeutet stets ein Eingriff in die Natur und ist somit nicht natürlich. Dabei gilt es aber zu bedenken, dass Nutzwald per se ein von Menschen gemachtes Produkt ist, das in dieser Form auch nicht natürlich gewachsen ist. Auch die schönen Strassen und Wege im Strättligwald sind nicht natürlich, sondern zum Nutzen des Menschen gebaut und unterhalten. Trotzdem ist der Wald einer der wenigen sehr naturnahen Lebensräume, wenn man z.B. mit einer Stadt oder einem Maisfeld vergleicht.

Der grosse Vorteil moderner Holzernte-Maschinen ist, dass bei der Ernte Bäume gezielt gefällt und beim Entasten und Heranziehen angehoben werden können. Dadurch werden benachbarte Bäume, Wurzeln und Naturverjüngung kaum in Mitleidenschaft gezogen. Der Nachteil ist jedoch, dass die Rückegassen durch ihre geometrische Form auf uns Menschen wie ein Fremdkörper im Wald wirken. Doch das Gegenteil ist der Fall: Man beansprucht den Waldboden nur an klar definierten Stellen, der Rest wird explizit geschont.

Leiden die Tiere nicht durch diesen Eingriff?
Bei jeder Holzernte, egal ob maschinell oder von Hand wie zu Grossvaters Zeiten, müssen sich einige Tiere ein neues Zuhause suchen. Da aber die Bäume auf einer konzentrierten Fläche gefällt werden, erfährt der übrige Wald keine Störung. Nach abgeschlossener Ernte können sich die Tiere während vielen Jahren ungestört entwickeln. Holzerntemassnahmen finden nicht während der Brut- und Setzzeit statt, also dann wenn die Vögel brüten oder die Rehkitze geboren werden. Seltene Ausnahmen gibt es zur Bekämpfung des Borkenkäfers.

Viel stärker gestört werden die Tiere im Wald durch uns Menschen, indem wir unsere Freizeit im Wald verbringen. Eine ebenso grosse Belastung sind Abfälle, die achtlos in den Wald geworfen werden. Und nicht zu vergessen, die Autobahn, die seit 1968 unseren Wald in zwei Teile zerschneidet und für die meisten Tiere eine unüberwindliche Barriere bildet. All dies sind für die Tiere störende Faktoren. Daher wünschen wir uns von allen Gästen ein rücksichtsvolles Verhalten. Unser Dank geht an all diejenigen, die den Wald respektvoll besuchen.

Leidet die Biodiversität nicht durch diese Art der Holzerei?

Nein, im Gegenteil! Zurzeit sind viele Stellen in unserem Wald zu einheitlich: Hohe und dünne Bäume, deren Kronen den jungen Bäumen das Licht stehlen. Wir schaffen Platz, damit junge Bäume nachwachsen können. Es bilden sich mehrere Etagen, in denen sich unterschiedliche Tiere ansiedeln. Auch wollen wir eine grössere Vielfalt an Baumarten, was ebenfalls der Biodiversität auf die Sprünge hilft. Besonders die Lichtbaumarten benötigen regelmässige Pflegeeingriffe, weil sonst die schattentoleranten Baumarten dominieren. Die Äste, die in den Rückegassen zur Druckentlastung gelegt wurden, bleiben dort liegen. Sie bieten vielen Tieren Unterschlupf und geben nach dem Verrotten Nährstoffe an den Boden zurück. Aus demselben Grund werden auch andernorts im Wald Asthaufen und Totholz liegen gelassen. Und wenn zwischendurch auch da und dort eine dornige Brombeerhecke wachsen kann: Auch sie ist ein Teil der Natur und gehört zum Wald.

Was hat das alles mit dem Klimawandel zu tun?
Der Klimawandel betrifft den Wald in hohem Mass. Zunehmende und langanhaltende Trockenperioden setzen vielen Bäumen zu. In heissen Sommern gibt es zudem zwei bis drei Generationen Borkenkäfer. Früher war es im Durchschnitt eine bis zwei. Für die Borkenkäfersind die geschwächten Fichten im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen. Wir hatten bis jetzt das Glück, das nur ein paar 100m2 Fläche vom Käfer befallen waren. Andernorts mussten ganze Wälder zwangsgenutzt werden. Wir wirken dem entgegen, indem wir vermehrt unterschiedliche und hitzeverträglichere Baumarten in unserem Wald fördern, wie z.B. Eiche, Douglasie, Lärche, Birke, Hagebuche.

Durch die Klimaerwärmung nehmen auch Stürme an Häufigkeit und Heftigkeit zu. Was früher Jahrhundertereignisse waren, wiederholt sich nun fast alle paar Jahre. Die Holzerei steht wegen der Klimaerwärmung ebenfalls vor neuen Herausforderungen: Früher waren im Winter die Böden gefroren, was problemlos eine bodenschonende Holzernte ermöglichte. Heute ist das in unseren Breiten kaum mehr der Fall. Moderne Holzernte-Maschinen und ein zeitgemässer Betriebsplan mit einer zukunftsgerichteten Planung und Bewirtschaftung sind daher besonders wichtig für eine bodenschonende Waldnutzung.

Mittels Durchforstungen werden einzelne Bäume, z.B. Eichen, gezielt gefördert. Sie machen den Wald stabiler auch bei einem zunehmend wärmeren Klima. Sie sind auch wichtige Samenbäume für die natürliche Verjüngung. Durch Verjüngungsschläge wird dafür gesorgt, dass stellenweise deutlich mehr Licht vorhanden ist für die jungen Bäume. Dabei genügt es nicht, nur einzelne Bäume zu ernten, weil sich so nur Schattenbaumarten wie Fichte, Tanne oder Buche einstellen werden. Viele der Zukunftsbaumarten sind aber Lichtbaumarten. Junge Bäume und gemischte Bestände sind auch anpassungsfähiger und stabiler gegenüber Stürmen oder anderen Gefahren.

Schadet der Lichteinfall in den Rückegassen dem Wald?
Die Rückegassen werden möglichst schmal gehalten, ca. 3-4 Meter breit. Es kommt deshalb nicht allzu viel Licht auf den Boden. Die Kronen wachsen wieder zusammen. Zum Vergleich: Die Krone einer grossen Fichte oder Tanne ist 8 bis 10 Meter breit. Bei Buche oder Eiche sind es sogar 10 bis 20 Meter.

Lichteinfall ist aber auch positiv, weil dadurch die Naturverjüngung begünstigt werden kann. Im Idealfall kann der Förster das Licht regulieren, so dass auch der Nebenbestand (d.h. kleinere Bäume) profitieren können. Dies fehlte in unserem Wald bisher an vielen Orten, weil die jüngeren Bestände zu wenig durchforstet wurden. In Zukunft wollen wir vermehrt auf Naturverjüngung setzen. Dieses Vorhaben dauert allerdings mehrere Jahre und kann nicht innert Monaten umgesetzt werden. Gut Ding will eben Weile haben.

Wie viel Holz darf pro Jahr geschlagen werden und wie wirkt sich das auf den Wald aus?
Mit etwa 115 Hektaren und einem jährlichen nutzbaren Zuwachs von rund 10 Kubikmetern Holz, wachsen jedes Jahr ca. 1’150m3 Holz nach. Dies ist eine vorsichtige Schätzung. Diese Menge kann nachhaltig genutzt werden. Die Nutzung ist wichtig, damit der Wald nicht zu alt und dunkel wird und ein nachhaltiger, altersdurchmischter Aufbau ermöglicht wird. Es sollte also immer junge, mittlere und alte Waldbestände nebeneinander geben. Die Nutzung ist wichtig für die Stabilität des Waldes gegen Sturm und Schneebruch. Indem gesunde, vitale Bäume gezielt ausgewählt und gefördert werden, vergrössert sich deren Krone und Wurzelwerk. Damit nimmt die Stabilität zu.

Wie wichtig ist die Pflege des Waldes?
Ohne Pflege beziehungsweise Nutzung würde ein Wald dunkel, zu dicht bewachsen und irgendwann alt und instabil. Dadurch bietet er Stürmen eine bessere Angriffsfläche und man hat plötzlich nur noch grosse Jungwaldflächen statt einer gesunden Altersdurchmischung im Wald. Die Waldpflege und Bewirtschaftung hilft also, Risiken zu senken, grossflächige Waldschäden zu vermeiden und dadurch möglichst konstante Waldleistungen zu ermöglichen. Damit ist nicht nur die Holzproduktion gemeint, sondern auch Erholungsleistungen und Biodiversität.

Wir lassen im Moment einen Betriebsplan erstellen mit einer Stichprobeninventur, um den Holzvorrat und den Holzzuwachs besser zu kennen. Ein solcher Betriebsplan ist im Kanton Bern freiwillig, im Gegensatz zu den meisten anderen Kantonen. Für uns ist diese Planung wichtig, um sorgfältig mit den vorhandenen Wald-Ressourcen umzugehen und sie richtig zu nutzen.

Gehört der Wald nicht allen und kann daher nicht die Allgemeinheit sagen, was damit geschieht?
Nein, der Wald gehört nicht der Allgemeinheit, sondern privaten oder öffentlich-rechtlichen Eigentümern. In diesem Fall ist dies die Burgergemeinde Strättligen. Wir müssen darum auch für den Unterhalt des Waldes sorgen und diesen mit der Holzwirtschaft finanzieren. Im Gegensatz zu reichen Burgergemeinden können wir den Burgerwald nicht Quersubventionieren und quasi als Parklandschaft pflegen.

Früher war die Waldpflege einzig Sache des Waldeigentümers. Ziel war vor allem die Holzproduktion. Heute bestehen breite und hohe Ansprüche seitens einer vielschichtigen Bevölkerung. Gerade unser Wald wird sehr intensiv von der Bevölkerung genutzt (Spaziergänger, Jogger, Reiter, OL-Läufer – es gibt ca. 5’000 OL-Bewegungen im Jahr). Die Besucherinnen und Besucher möchten viele und schöne Waldwege und -strassen, möglichst keine Sperrungen durch Holzschläge, ein schönes Waldbild sowie interessante und vielfältige Natur. Dadurch entstehen auch zusätzliche Kosten, zum Beispiel durch Strassenunterhalt auf hohem Niveau oder höhere Holzerntekosten (es braucht immer zusätzliche Forstwarte, um die Sicherheit der vielen Waldbesucher zu garantieren). Insofern ist die Allgemeinheit in die Waldpflege und -bewirtschaftung involviert – allerdings als Gast und nicht als Besitzerin, die dann auch die Kosten und das finanzielle Risiko vollumfänglich tragen würde.

Für die praktische Ausführung von Jungwaldpflege und Holzerei braucht es in jedem Fall qualifizierte Fachkräfte, denn diese Arbeiten sind anspruchsvoll und gefährlich. Aufgrund der aktuell sehr tiefen Holzpreise ist eine sehr gute Organisation und ein wirklich effizientes Arbeiten nötig, um Verluste in Grenzen zu halten.

Wir wünschen Ihnen viel Freude und Erholung im Strättligwald! Halten Sie alle Sinne offen und erleben Sie die Schönheit des Waldes und der Natur mit Augen, Ohren, Nase und Seele während jeder Jahreszeit.